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Image by Julian Hochgesang

Ein neues Gesetz

Honigglanz lief mit gespitzten Ohren und geöffnetem Mund durch die alten Ruinen des ehemaligen Zweibeinerortes. Der Clan war erst vor einem Blattwechsel in das neue Territorium gezogen. 

Die Ruinen grenzten daran und es war Honigglanz Aufgabe sie zu erkunden. Eigentlich sollte sie das nicht alleine tun, aber sie waren wenige Katzen und es war schwierig genug Nahrung in der unbekannten Umgebung zu finden. Deswegen waren alle anderen Katzen auf Jagdpatrouille. 

Muschelstern hatte erst gezögert, aber dann hatte er sie alleine auf Erkundungstour geschickt. Sie sollte sich im Hintergrund halten und bei einer möglichen Gefahr sofort umkehren.

Bis jetzt war von Gefahr allerdings nicht viel zu entdecken. Es war still und staubig. Ein paar Eidechsen hatte sie schon gesehen, aber das war auch das einzige Lebenszeichen in diesem Steinhaufen. 

Honigglanz musste niesen, als sie die staubige Luft einatmete. Zum Glück war ihr Rundgang beinahe zu Ende. Zu ihrer Linken konnte sie schon die Klippen sehen und das Meer hören, wie es an den Stein klatschte.


Plötzlich meinte sie noch ein anderes Geräusch zu hören. Honigglanz rannte überrascht Richtung Wasser. Und tatsächlich hörte sie erneut ein leises Maunzen. Es klang verzweifelt und wurde von den rauschenden Wellen fast übertönt, aber sie war sich sicher.

Aufmerksam sah sich Honigglanz um, aber sie konnte nirgends eine Katze ausmachen. Auch riechen konnte sie niemanden. 

Mit einem mulmigen Gefühl ging sie noch näher an die Klippen und spähte hinab. Die Wellen schäumten und die Gischt flog durch die Luft, so dass sie lange brauchte um das Wasser mit ihren Augen abzusuchen. Aber dann sah sie einen Flecken Fell auftauchen. Gleich darauf wurde er wieder unter Wasser gezogen.

Honigglanz war geschockt. Der Körper, den sie gesehen hatte, war zu klein um einer ausgewachsenen Katze zu gehören. Es musste ein Junges sein, dass dort um sein Leben kämpfte. Ihre Angst wuchs als sie bemerkte, dass sie nun auch kein Maunzen mehr hören konnte.

Ein letztes Mal sah sie sich nach Hilfe um, die sie nicht fand, dann straffte sie entschlossen ihre Schultern und sprang mit einem großen Satz von der Klippe ins Meer. 


Das eisige Wasser schlug über ihr zusammen und obwohl sie eine gute Schwimmerin war, hatte sie einige Probleme wieder an die Oberfläche zu kommen. Mit kräftigen Beinschlägen kämpfte sie sich durch die Wellen und versuchte das Junge ausfindig zu machen. 

Immer wieder wurde sie von den Wassermassen nach unten gedrückt, aber so schnell wollte sie nicht aufgeben. Nach einer gefühlten Ewigkeit erblickte sie den leblosen Körper des Kätzchens. Es trieb viel zu nahe an der Felswand und wurde immer wieder dagegen geschwemmt. Honigglanz hoffte, dass es nicht schon zu spät war.

Sie nahm all ihre Reserven zusammen und paddelte auf das Kleine zu. Bei der nächsten Welle packte sie beherzt zu und hatte das Nackenfell des Jungen fest zwischen den Zähnen. 

Honigglanz strampelte und strampelte, doch sie die Wellen zogen sie zurück an die Klippe. Mit einem ekelhaften Knirschen wurde ihr Körper an den Stein gepresst und alle Luft wich aus ihren Lungen. Fast hätte sie das Kleine losgelassen. Gerade noch konnte sie es halten und verstärkte ihren Griff wieder. 

Die nächste Welle schlug über ihrem Kopf zusammen und wirbelte sie herum, so dass sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Als sie es schaffte für einen Moment die Augen zu öffnen, glaubte sie einen dunklen Pelz in den Wassermassen zu erspähen. 

Langsam ging Honigglanz die Luft aus, sie spürte ihre Pfoten schon nicht mehr. Da spürte sie plötzlich Zähne in ihrem Nackenfell, die sie nach oben zogen, zurück an Oberfläche. 


Erst als sie erschöpft am Strand zusammensackte erkannte sie Wellenstreif, einen Krieger ihres Clans. Das Junge lag bewegungslos neben ihr. „Schnell, hol Minzfuß, er muss dem Jungen helfen!“ Krächzte sie. Honigglanz selbst war zu schwach dafür. 

Wellenstreif befolgte ihre Anweisung ohne zu zögern und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er mit dem Heiler wieder kam. „Was ist passiert?“ Fragte dieser auch sofort und untersuchte das nasse Kätzchen. „Es muss von den Klippen gefallen sein. Ich weiß nicht wie lange es schon im Wasser war, als ich es entdeckt habe.“ Gab Honigglanz Auskunft. „Ich kenne es nicht. Es ist nicht aus dem SonnenClan.“ Meinte Wellenstreif. „Dann muss es vom SturmClan sein.“ Sie war entsetzt. Wenn das stimmte, musste das Kleine eine sehr lange strecke im Meer getrieben haben, um in diesem Teil des SonnenClan-Territoriums zu landen. Ängstlich sah sie zu Minzfuß. Doch der schüttelte traurig den Kopf. „Ich kann leider nichts mehr tun.“ Es herrschte bedrücktes Schweigen. Eine solche Tragödie erschütterte alle, egal welchen Clan es betraf. 


Natürlich hatte der SonnenClan den SturmClan benachrichtigt. Es war tatsächlich eines ihrer Jungen gewesen und hieß Kiesjunges. 

Bei der nächsten Versammlung trauerten alle Clans um das junge Leben. Der Tod von Kiesjunges war nicht der erste Fall gewesen, bei dem eine Katze im Meer ertrank. Um in Zukunft solche schlimmen Unfälle zu verhindern, wurde ein neues Gesetz beschlossen: Alle Katzen sollten schon als Schüler lernen zu schwimmen, nicht nur die SonnenClan-Katzen. 

So sollte dafür gesorgt werden, das jeder helfen konnte, sollte sich wieder eine Katze in solchen Schwierigkeiten befinden.

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Geschichten: Über mich

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